Windelfrei
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Hebammengeprüft

Windelfrei

Schon die Überschrift versetzt sie vielleicht gerade in akute Panik. Windelfrei?! Keine Windeln? Aber das geht doch nicht?! Doch, geht. Wenn Sie wissen wollen, wie, kommen Sie mit auf Spurensuche:

Christina Altmann
von Christina Altmann
Hebamme & Mutter
Mo, 11/25/2013 - 11:58 Fri, 07/19/2019 - 11:11

Wir kennen es nicht (mehr) anders – Babys und Windeln gehören zusammen

Das Erste, was ein Baby nach seiner Geburt in der westlichen Welt angezogen bekommt, ist eine Windel. In den allermeisten Fällen eine Plastik-Einwegwindel namhafter Hersteller mit Milliardenumsätzen. Dort hinein macht es seine kleinen wie großen Geschäfte. Eine tragbare Toilette. Sowas würden die meisten von uns anderen Erwachsenen nur im allergrößten Notfall zumuten. Doch auch jedes Baby kommt mit dem Bedürfnis zur Welt, sauber und trocken zu sein. Wie wir auch. Man sollte meinen, kein Mensch sollte gezwungen sein, in seinen Exkrementen zu sitzen. Aber Babys scheinen dabei aus unserem Bewusstsein verschwunden zu sein.

Aktuellen Untersuchungen zufolge verrichten Kinder ihre Geschäfte immer länger in Windeln, ergo: Sie werden immer später trocken – nicht selten erst mit 5 Jahren oder später. Statistisch gesehen sitzen in jeder ersten Klasse vier Kinder, die noch bettnässen. In jeder fünften Klasse zwei. Kein Wunder also, dass Discounter und Drogeriemärkte Windelprodukte für Kinder bis über 30kg anbieten. Sogar anbieten müssen, weil der Bedarf da ist.

Auch bestätigt der Verband der Kinderärzte, dass Wundsein bis hin zu entzündeter, offener Haut (Windeldermatitis) zu den „normalen Vorkommnissen des Babyalters“ gehört. Dass so etwas am Besten im tropischen Klima einer Windel entsteht, leuchtet ein. Genauso wie die Schmerzen, die das Wundsein verursacht.

Windeln haben aber längst nicht nur Vorteile

Nicht nur das Wohlbefinden und die Gesundheit des Kindes sprechen gegen die (dauerhafte) Benutzung von Windeln. Sie sind auch eine ökologisch ein Riesenproblem:

  • 8,4 Mio. Stück landen täglich im deutschen Hausmüll
  • Jede braucht 300-500 Jahre zum Verrotten
  • schwer brennbar
  • nicht kompostierbar

Ein Überbleibsel, welches wir also noch einigen nachfolgenden Generationen hinterlassen.

Zusammengefasst: Windeln sind also erwiesenermaßen eine gesundheitliche Einbuße, das Tragen fühlt sich für Babys sicher nicht sonderlich angenehm an und sie belasten Umwelt und Ressourcen in hohem Maß.

Gibt es Gründe, warum wir Windeln bei Babys trotzdessen für unumgänglich halten? Ja! Unter anderem, weil viele Menschen sagen, Babys könnten ihre Schließmuskeln noch nicht kontrollieren. Allerdings wird dies von mehreren Studien widerlegt. Außerdem haben Windeln positive Aspekte:

  • praktisch und bequem
  • Stressfrei für uns Eltern
  • das Thema Ausscheidungen des Babys ist mit dem Windelwechseln erledigt.

Und der Grund der Gründe: Wir benutzen sie, weil wir es einfach nicht (mehr) besser wussten! Wir haben vergessen, dass es ziemlich gut ohne geht!

Weltweit sind wir ganz schön allein mit unserem Wickel-Wahnsinn

Führen Sie sich einmal folgendes zu Gemüte: 80% aller auf der Welt geborenen Babys werden nie in ihrem Leben eine Windel an ihrem Körper gehabt haben. Das sind – Überraschung – die meisten. Die restlichen 20% leben in der westlichen Welt…in reichen Industrienationen. Daher ist es für uns alle hier normal geworden, dass Babys‘ Ausscheidungen in der Windel zu finden sind.

Der Siegeszug der Plastikwindeln ist gar nicht so lange her

Wie kam es denn, dass Windelbenutzung normal wurde? Wegwerfwindeln sind eine relativ neue Erfindung: Die erste gab es erst 1976. Zuvor nutzten Mütter Stoffwindeln. Oder hielten ihre Kinder ab. Fragt man mal in der Großmütter-und Ur-Großmütter-Generation herum, finden die windelfrei häufig wahnsinnig unaufregend und neu ist es ihnen schon gar nicht.

Wenn prozentual gesehen so wenige Babys der Welt Windeln tragen, kann das nicht im definitionsgemäßen Sinne normal sein, Windeln geradezu inflationär zu benutzen. Nö, ist es auch nicht. Es ist es weder normal, noch natürlich. Babys brauchen keine Windeln. Brauchen stattdessen die Eltern ein Abo für Wisch-und Reinigungsprodukte und dazu einen gigantischen Stapel an Wechselkleidung für ihr Kind? Auch nicht. Sondern?

Baby fühlt sich wohl, ist nie mehr wund, weniger Müll, früher trocken – toll!

Ihr Baby windelfrei aufwachsen lassen! Keine Sorge, Stress muss keiner aufkommen. Windelfrei bedeutet nicht zwingend, dass Ihr Kind niemals eine Windel oder ein anderes „Sicherheitsnetz“ am Körper haben darf. Es bedeutet nur, dem Kind die Möglichkeit zu bieten, sein Geschäft außerhalb einer Windel zu verrichten. Auf einer Toilette, einem Töpfchen, zur Not schafft auch das nächste Gebüsch Abhilfe. Die Fachsprache nennt das, ein Kind „abhalten“.

Möchte man sich selbst Druck rausnehmen und locker bleiben, nutzen Sie Windeln einfach als Unterhose. Schon die Sichtweise, dass es sich nur um eine saugfähige Unterhose, nicht um eine Toilette handelt, verändert den Umgang damit. Aber, um Ihr Baby abzuhalten, müssen Sie ja wissen, wann es mal muss.

So geht windelfrei!

Hier kommt die Erklärung, wie man das macht. Es gibt drei Komponenten für den richtigen Zeitpunkt.

Timing

Jeder Mensch muss durch einen Reflex nach dem Aufwachen Wasser lassen. Hält man Babys also nach dem Erwachen ab, pieseln sie. Babys schlafen viel. Allein dadurch hat man schon eine hohe Trefferquote. Wenn Menschen viel trinken, füllt sich die Blase und sie müssen mal. Babys trinken viel. Durch die kleine Blase ist sie nach dem Trinken direkt wieder voll.

Halten Sie Ihr Baby also auch nach dem Stillen oder Fläschchen geben ab, kommen weitere aufgefangene Pipis und große Geschäfte dazu. Wenn Menschen sehr beschäftigt sind oder Kinder spielen, sind sie fokussiert auf eine Sache, die sie interessiert. Nimmt der Fokus ab, weil die Sache beendet wurde, muss man häufig auf Toilette. Bei Babys und Kleinkindern ist das nicht anders. Ein Abhalten nach dem Spielen ist also oft erfolgreich.

Würden Sie Ihr Baby also lediglich zu diesen erklärten Zeitpunkten über ein Töpfchen/eine Toilette o.ä. halten, haben Sie schon Einiges an Pipis nicht in der Windel. Neben dem Timing gibt es noch:

Signale

Babys geben ihren Eltern vom ersten Moment an Signale. Signale, die ihre Bedürfnisse ausdrücken: Hunger, Nähe, Wärme, Kuscheln – die Liste ist lang. Und sie geben auch Signale, wenn sie mal müssen. Jedes Baby tut das, auch eines, das wenige Stunden alt ist. Anfangs müssen alle Eltern üben, ihr Kind zu verstehen. Viele Babyratgeber ermutigen Eltern, sich einige Zeit zu geben, bis sie wissen, was ihr Schatz von ihnen möchte. Und genau das gilt ebenso für die Bedürfnisse unterhalb der Bauchnabelregion: Ihr Baby sagt ihnen, dass es muss! Wir alle haben nur vergessen, sie zu hören.

In den ersten vier Lebensmonaten versuchen sie - die einen mehr, die anderen weniger vehement - verständlich zu machen, dass sie sich nicht durch Urin oder Stuhl selbst beschmutzen möchten. Äußern tut sich dies z.B. durch:

Aber wer schläft schon gern mit voller Blase? Nach den vier Monaten werden die Signale weniger und stoppen schließlich, weil das Baby sein ursprüngliches Körpergefühl für seine Ausscheidungen verloren hat.

Intuition

Nach einiger Zeit mit einem windelfreien Baby stellt sich bei vielen Eltern ein Bauchgefühl ein, dass ihr Baby mal muss. Man kann nicht genau erklären, wie sich das darstellt, denn bei jedem fühlt es sich anders an. Es ist oftmals ein starkes Gefühl/ein Gedanke/manchmal auch ein Geruch, der einem unmissverständlich klar macht, man sollte sein Baby unverzüglich zur Toilette bringen. Begründet ist diese Intuition sicher darin, dass windelfrei die Eltern-Kind-Bindung sehr stark fördert und ein unsichtbares Band gesponnen wird. Dadurch ist nonverbale Kommunikation möglich.

Klingt machbar, oder?

Zu keinem Zeitpunkt geht es darum, Wettbewerbe zu gewinnen oder möglichst kein Pipi in der Unterhose vorzufinden. Das werden Sie definitiv. Ohne Unfälle geht es nicht. Aber das ist überhaupt kein Problem. Sie kommunizieren mit Ihrem Kind den ganzen Tag über alle möglichen Dinge. Verbal und nonverbal. Mit einem windelfreien Kind eben auch über seine Ausscheidungen. Das stärkt Sie, Ihr Kind und Ihre Beziehung zueinander!

Und geht mal was daneben: Wischen, Waschen und lächeln!

Hebammengeprüft

Dieser Artikel wurde von unserem Expertenteam geprüft.