ADS und ADHS
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ADS und ADHS

Ein unbändiges Temperament, Verhaltensweisen, die auch die geduldigsten Eltern an ihre Grenzen bringen und die verzweifelte Frage danach, wie das eigene Kind in späteren Schul- und Leistungssituationen bestehen kann. Dies sind nur einige Eindrücke und Fragezeichen von Eltern, die bei ihren Kindern eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung in Verbindung mit einer Hyperaktivitätsstörung vermuten.

Frau Dr. Rothe
von Dr. Anne Rothe
Kinderärztin
Fr, 01/10/2014 - 17:48 Mon, 02/05/2018 - 13:14

AD(H)S - die wichtigsten Fakten

Nach heutigem Kenntnisstand handelt es sich bei AD(H)S um eine Verhaltensstörung, die durch eine neurobiologische Entwicklungsverzögerung der exekutive Funktionen verursacht wird. AD(H)S kann auch als ein Extremverhalten aufgefasst werden, das einen fließenden Übergang zur Normalität zeigt.

Die Auffälligkeiten müssen für das Alter sehr stark ausgeprägt sowie situationsübergreifend und beständig von Kindheit an vorhanden sein, um sie als Krankheit einzustufen. Eine Diagnose ist nur möglich, wenn die Symptomatik zusätzlich mehrere Lebensbereiche deutlich beeinträchtigt oder zu erkennbarem Leiden führt. Symptome alleine haben keinen Krankheitswert.

Grundsätzlich beschreiben die Begriffe ADS und ADHS, Symptome, wie:

  • sehr leichte Ablenkbarkeit
  • wenig Konzentrationsfähigkeit bzw. kurze Aufmerksamkeitsspanne
  • eher aufbrausende, sehr temperamentvolle Wesenszüge
  • sehr impulsives Handeln

Diese genannten Punkte sind bei vielen Kindern naturgemäß stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen. Sind sie allerdings so stark, dass sie sie augenscheinlich an ihrer individuellen Entwicklung hindern und auch ihr Umfeld in hohem Maße beeinträchtigen, kann dies eine ärztliche bzw. auch psychotherapeutische Behandlung erfordern.

Es gibt zahlreiche Studien zum Thema AD(H)S. Je nachdem welche Studie zugrunde liegt, sind derzeit 3 bis 10 Prozent der Kinder in Deutschland von der Diagnose AD(H)S betroffen.

Kritiker dieser Krankheitsbezeichnungen bemängeln jedoch eine ihrer Ansicht nach hohe Zahl von Fehldiagnosen bzw. den zu frühen Einsatz von medikamentösen Therapien.

AD(H)S wird wesentlich häufiger bei Jungen als bei Mädchen festgestellt.Dies lässt sich aus der unterschiedlichen Entwicklung von Mädchen und Jungen erklären. Jungen handeln meist wesentlich extrovertierter und impulsiver als ihre Altersgenossinnen.

AD(H)S - eine neurobiologische Störung

Insbesondere Lebenssituationen, bei denen es auf Konzentration und Leistungsfähigkeit ankommt, bereiten den jungen Patienten häufig große Schwierigkeiten. "Störenfried" und "Zappelphilipp" sind nur zwei Bezeichnungen, die vor der Krankheitsbenennung ADS / ADHS das typische Verhalten der betroffenen Kinder beschrieben.

Es liegt eine sogenannte Reizfilterschwäche vor, die durch eine Beeinträchtigung der Signalübertragung zwischen Nervenzellen in verschiedenen Gehirnarealen verursacht wird. Mehrere biochemische Botenstoffe (z.B. Dopamin) stehen nach aktuellem Kenntnisstand im Verdacht, an dieser Störung beteiligt zu sein.

Im Ergebnis strömen viele verschiedene Reize (z.B. Informationen der Augen, der Ohren, des Geruchssinns und der Haut) gleichzeitig und ungefiltert auf das Kind ein. Man vermutet hierfür sowohl genetische als auch umweltbedingte Ursachen.  

Wie bereits erwähnt, ist der Übergang zwischen „normal“ und „krank“ dabei fließend und die mögliche Ausprägung der Störung reicht von „leicht“ bis „schwer“.   

Im Zusammenspiel mit sozialen Einflussfaktoren bestimmt sich der Schweregrad der ADS / ADHS-Symptome und kann gegebenenfalls weitere psychologische Störungen (z.B. Angststörungen, Zwangsstörungen, Depression u.a) nach sich ziehen.

 

 

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass ADS/ADHS oftmals mit anderen Teilleistungsschwächen wie zum Beispiel der Dyskalkulie (Rechenschwäche) oder Legasthenie (Lese-/Rechtschreibschwäche) einhergeht und auch neben anderen Krankheitsbildern wie Autismus und Lernbehinderungen existieren kann.

ADS / ADHS bereits als Baby?

Ob sich eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung schon beim ungeborenen Baby bzw. im Säuglingsalter bestimmen lässt, darüber gehen die fachärztlichen Meinungen stark auseinander.

Eine hohe Aktivität im Mutterleib, sehr häufiges Schreien, Koliken, ein ständiger Bewegungsdrang, schlechter Schlaf sowie ein für die Eltern anstrengendes Verhalten beim Füttern gelten teilweise als Indizien für eine mögliche ADS / ADHS Störung.

Körperliche Nähe und Kuscheln scheinen zusätzlich nicht beruhigend zu wirken und werden mitunter sogar abgelehnt. Dieser Fakt verunsichert viele Eltern stark. Auch wenn der Verdacht auf AD(H)S zunächst nahe scheint, kann es sich auch einfach um eine zeitlich begrenzte Entwicklungsphase handeln, die mit entsprechendem Verhalten einher geht.

Die Beratung und fachmedizinische Betreuung von Kinderarzt und Hebamme helfen an diesem Punkt oftmals weiter.

ADS / ADHS bei Kleinkindern

Folgende Verhaltensweisen können (müssen aber nicht) bei Kleinkindern auf ADS / ADHS hindeuten:

  • rastlose Aktivität
  • planloses, scheinbar unberechenbares und häufig wechselndes Handeln
  • wenig Ausdauer bei Gruppen- und Einzelspielen
  • ein hohes Maß an Trotzreaktionen
  • hohe Unfallgefährdung
  • ein vergleichsweise früher Spracherwerb oder eine sehr verzögerte Sprachentwicklung
  • ein sich eher isolierendes Sozialverhalten (wenig oder keine gleichaltrigen Freunde)

Treten diese, von vielen Erwachsenen manchmal auch als "ungezogen" empfundenen Verhaltensmerkmale vorübergehend auf, können sie einfach entwicklungsbedingt oder auch eine Reaktion auf die bestehenden psychosozialen Umstände sein.

Die Diagnose von ADS / ADHS erfolgt aus entwicklungspsychologischen Gründen oft erst im Grundschulalter. Sie kann von (darauf spezialisierten) Kinderärzten, Kinderpsychiatern oder Kinderpsychotherapeuten gestellt werden.

Zur Behandlung stehen unterschiedliche Therapieformen zur Verfügung, die auch oft nebeneinander angewendet werden. Psychotherapie, Elterntraining, Lerntherapien und die medikamentöse Therapie kommen, je nach Schweregrad und Leidensdruck, hierbei zur Anwendung.

Zu einer rein medikamentösen Behandlung raten viele Kindermediziner nur bei schweren Fällen. Es handelt sich dabei um Stimulanzien, die in die Übertragungswege der Botenstoffe im Gehirn eingreifen. Ziel ist es dabei, die Konzentrations- und Selbststeuerungsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern sowie den Leidensdruck und Alltagseinschränkungen zu verringern.

Eine ganzheitliche ärztliche und psychotherapeutische Begleitung der gesamten Familie eines ADS / ADHS betroffenen Kindes bietet laut vielen Untersuchungen die besten Chancen auf eine gute kindliche Entwicklung.

Auch die Ergotherapie kann eine wichtige Rolle bei der Behandlung von ADS/ADHS bei Kindern spielen. So werden die Kinder in Ihrer motorischen Entwicklung und Ihrer Sinneswahrnehmung geschult und es wird ihnen (bzw. Ihren Eltern) beigebracht, sich selbst besser zu organisieren, um altersgerechte Aufgaben besser bewältigen zu können. 

Dem oftmals hohen Bewegungsdrang wird mit strukturierten Bewegungsangeboten begegnet. Ziel ist dabei immer, das Selbstbewusstsein des betroffenen Kindes zu stärken. Zugleich lernt es, sich dem Umfeld entsprechend angemessen zu verhalten. Liegen zusätzlich Sprachverzögerungen oder weitere Lernschwächen vor, so kann die Logopädie, beziehungsweise die Kinderpsychologie weiterhelfen.

Netzwerke und Selbsthilfegruppen nutzen

Von den Betroffenen selbst und ihrem Umfeld wird AD(H)S oftmals als sehr belastend wahrgenommen. Zahlreiche Netzwerke online und auch vor Ort, in denen Familien, Eltern und AD(H)S Erkrankte sich austauschen können, helfen diese Entwicklungsbesonderheit bei Kindern, die bis in das Erwachsenenleben andauern kann, erfolgreich zu meistern.

© vschlichting - Fotolia.com

Tipps von Kinderärztin Dr. Anne Rothe
  • Wenn Ihnen bei Ihrem Kind im Vorschul- oder Grundschulalter eine starke Impulsivität, schlechte Konzentrationsfähigkeit und ggf. auch motorische Unruhe (sich auf dem Stuhl winden, Hände und Füße ständig in Bewegung) auffallen, die den Alltag und das Familienleben deutlich beeinträchtigen, sprechen Sie Ihren Kinderarzt darauf an.

  • Häufige Unfälle, planloses Herangehen an Aufgaben, auffällige Vergesslichkeit oder extreme Ablenkbarkeit durch unwichtige äußere Reize und fehlende Geduld (z.B. beim Warten in einer Schlange) sind zusätzliche Hinweise auf AD(H)S und sollten ggf. bei einem Experten auf diesem Gebiet weiter abgeklärt werden.

  • Betroffene Kinder sprechen oft sehr viel und schnell, platzen mit Antworten heraus ehe die Frage fertig gestellt wurde, beenden die Sätze anderer oder unterbrechen und stören häufig Unterhaltungen.

  • Die Diagnose ADS / ADHS sollte durch einen auf diesem Gebiet erfahrenen Experten gestellt bzw. ausgeschlossen werden. Die Therapiemöglichkeiten sind vielfältig und sollten möglichst kombiniert werden, um das bestmögliche Ergebnis für das Kind zu erzielen.

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Dieser Artikel wurde von unserem Expertenteam geprüft.

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